Wachstum auf Zyklen | Ein Zitat von Marion Woodman zum Thema “Heilung”
In diesen Tagen beschäftigt mich das Gefühl und der Gedanke wie schwierig es ist sich psycho-spirituell weiter zu entwickeln. Mit “psycho-spirituell” meine ich eine emotionale Weiterentwicklung, die wir auf einer Ebene und v.a. dann erfahren, wenn sich das Gefühl einstellt, dass sich eine vormals belastende und schmerzhafte Angelegenheit beginnt weniger belastend anzufühlen. Wir sprechen dann meistens von Heilung - aber was ist das genau?
Ich denke, dass wir uns grundsätzlich alle immer in einem Heilungsprozess befinden. Es ist ein Weg, den wir im Leben beschreiten. Manche beschreiten diesen Weg bewusster als andere. Heilung könnte etwas mit der Bereitschaft zur Bewusstseinsentwicklung zu tun haben. Man kann also heilen, muss aber nicht.
In der Astrologie wird das Sternzeichen Fische mit dem Begriff der Heilung gleichgesetzt. Die Fische sind das letzte Element der sogenannten Wasser-Triade. Dazu gehören demnach auch der Krebs und der Skorpion. Das Element Wasser wird dem Gefühlsbereich zugeordnet und Gefühle werden gefühlt und nicht verstanden. Der Prozess des Fühlens spielt sich unbewusst ab und das Unbewusste steht in einer Opposition zum Bewussten.
Wenn wir nun die Bereitschaft zur Heilung aufbringen, werden wir uns zunächst einmal dieser Opposition bewusst. Wir werden uns der Tatsache bewusst, dass es eine Realitätsebene gibt, die im Hintergrund wirkt und aufgrund ebendieser Wirkung unserer Aufmerksamkeit bedarf. Sobald wir das erkennen und verstanden haben, werden wir beginnen eine innere Spannung (Krebs) zu spüren. Es werden unheimliche Kräfte (Skorpion) aktiviert, die eine Auflösung (Fische) dieser Opposition zum Ziel haben. Heilung bedeutet also mitunter einen Auflösungsprozess.
Auf meinem eigenen Weg der Heilung erinnere ich mich an durchaus an mehrere Situationen in meinem Leben, in denen ich diesen Prozess durchgemacht habe, weil ich ihn durchmachen musste und dann letztlich auch durchmachen wollte. Alle diese Situationen beschreiben im Grunde einen Leidensweg. Heilung bedeutet für mich deshalb auch die Kultivierung einer gewissen Leidensfähigkeit und Leidensbereitschaft.
Ich werde gegebenenfalls an anderer Stelle weiter davon berichten. Hier möchte ich lediglich auf ein Zitat von Marion Woodman hinweisen, das ich während dieser schweren Zeiten in meinem Tagebuch immer wieder niedergeschrieben und dann immer und immer wieder von Neuem abgeschrieben und rezitiert habe. Marion Woodman war und ist mir grundsätzlich immer eine treue Wegbegleiterin auf meinem Weg der Heilung gewesen. Erst als ich ihre Definition von Heilung verstanden hatte, wusste ich, dass ich heile - zumindest fühlte es sich auch allmählich danach an.
„Trapped in a [..] vision, people sometimes despair of ever changing the archetypal pattern in which they are caught. ‚What is the purpose of analysis?‘ they ask. ‚It just leads me into a deeper recognition of what is happening-the horror of living out my fate.‘ They see themselves going around the same circle-a different situation, but the same dynamic, a dynamic they consciously tried to avoid.
Closer discernment, however, helps them to realize they are not in the same place, but on a new rung of a spiral. Perhaps they are not so identified with the despair as they were last time - nor the fear, nor the pain, nor the abandonment. Perhaps they are more objective, allowing the grief and rage to flow through them without being swept away by either. Their ego may no longer be so inundated by archetypal energy, no longer in such danger of acting out the archetypal pattern.
Certainly, there is a death going on, a sacrifice, which must be perceived as sacrifice and treated as such or it can turn into annihilation. Part of what has to be sacrificed is the archetypal identification. That is the very thing people do not want to give up-the idealization, the obsession, the perfection of joy, even the perfection of suffering.“
Um den Heilungsprozess genauer zu verstehen, möchte ich nun im Folgenden jeden Satz genauer unter die Lupe nehmen. Das Zitat beginnt zunächst einmal mit der Beschreibung eines Zustandes des Gefangenheit und der Verzweiflung. In diesem Zustand kommt die große Frage auf, ob es denn jemals möglich sein wird eine Leidenssituation zu verändern.
Wir sind gefangen in einer Situation und wissen, dass wir ein Problem haben. Woodman bezieht sich hier auf den Begriff der Vision. Das Problem liegt also in der Art und Weise wie wir dieses Problem sehen und wahrnehmen. Das Pendant dazu ist das Gefühl der Verzweiflung. Wir zweifeln an der Situation in dem wir (uns) die Frage stellen, wie wir aus dieser meist unangenehmen Situation wieder heraus kommen. Das ist gut, weil sich mit dieser bewussten Fragestellung gleichzeitig auch ein Gefühl einstellt, das uns zeigt, dass etwas im Verhältnis zwischen Denken (Bewusstsein) und Fühlen (Unbewusstes) nicht stimmt.
Hier bringt sie den Aspekt der “Veränderung eines archetypischen Musters” ins Spiel. Das ist ein wenig komplexer. Archetypen sind ein “Ausdruck der psychischen Gesamtsituation”, wie es C. G. Jung beschreibt. “Es ist zwar ein Ausdruck unbewusster Inhalte, aber nicht aller Inhalte überhaupt, sondern bloß der momentan konstellierten.” Das deutet darauf hin, dass hier etwas im Hintergrund passiert und jetzt gerade auf uns einwirkt. Wir spüren das.
Diese archetypischen Muster zeigen sich beispielsweise in einem Geburtshoroskop, das man u.a. in der Analyse aktueller Transite auf ihre momentane Wirksamkeit hin interpretieren kann. Darüber hinaus kann uns auch die Traumdeutung oder eine Tarot-Kartenlegung aufzeigen welche archetypischen Muster gerade aktiv sind. In all diesen Fällen deuten wir Symbole und Symbole sind die Sprache des Unbewussten. Wir verstehen ein archetypisches Muster, wenn wir verstehen, was uns das Unbewusste mit einem Symbol sagen möchte - ganz so, wie wenn sich uns die Bedeutung von etwas Gesagtem erschließt.
Da wir als moderne Menschen der westlichen Kultur die Sprache der Symbole nicht beherrschen, kommt die Fragestellung “Was passiert hier eigentlich", als üblicher Ausdruck unserer Verzweiflung, der Fragestellung gleich: “Was will mir das Unbewusste mit dieser Situation eigentlich sagen?” Und wenn die Bereitschaft zur Heilung groß genug ist, bewegen sich die meisten von uns an dieser Stelle auch in einen therapeutischen Kontext. Zurecht hoffen wir auf eine Besserung unserer aktuellen Umstände. Wir hoffen auf Heilung.
Gleichzeitig steigert sich hier auch der Grad der Komplexität und ich darf uns an der Stelle in die nächste widersprüchliche Situation einführen (Fische-Energie). Die Situation ist komplex und widersprüchlich, weil wir hier mit einer guten und einer schlechten Nachricht konfrontiert sind. Die gute Nachricht ist, dass die Psychotherapie ein hervorragendes Instrument darstellt uns ein Problem verständlicher zu machen. Unterschiedliche psychotherapeutischen Schulen geben unterschiedliche Antworten auf unsere große Fragestellung und ich bin überzeugt davon, dass alle ihre Wertigkeit und Richtigkeit besitzen.
Gleichzeitig bin ich aber auch der Ansicht, dass die Psychoanalyse nach C. G. Jung die einzige psychotherapeutische Ausrichtung darstellt, die in der Lage ist, das Problem auch wirklich an der Wurzel zu packen. Auch hier kommt es wieder darauf an, wie weit wir tatsächlich bis dahin vordringen und folglich auch heilen wollen. Ich spreche hier aus langjähriger Analyse-Erfahrung.
Die schlechte Nachricht ist, dass ich in all diesen Jahren große und kleine Bewusstseinssprünge gemacht habe, kurzzeitige Besserungen verspürt habe und dann auch erst kürzlich wieder an diesem akuten Punkt angelangt bin, als ich meiner Analytikerin verzweifelt die Frage stellte: “Wozu das alles? Es tut sich ja überhaupt nichts. Ich halte das alles nicht mehr aus! Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr.” Ich hatte an diesem Punkt verstanden, dass mir das Wissen und das Verständnis meines archetypischen Musters nichts mehr bringt.
Statt der Erleichterung, begleitete mich das Gefühl des Horrors bereits monatelang. Wir sprechen hier berechtigterweise von Horror - also von einem schrecklichen Gefühl, das diese Gefangenheit gut illustriert, die eingangs bereits erwähnt wurde. Ich blickte in einen inneren Abgrund und bekam so große Angst, weil ich nichts mehr tun konnte. Es schien mir, als wäre ich lediglich zur Beobachtung der immer gleichen Probleme und Situationen in meinem Leben verdammt. Das waren Probleme und Situationen, die ich, wie Woodman erwähnt, mit Hilfe der Psychotherapie bewusst bearbeiten und überwinden wollte. Stattdessen schaffte ich den Sprung aus diesem grauenhaften Kreislauf des Schreckens weder aus eigener Kraft, noch mit Hilfe meiner Analytikerin. An diesem Punkt war sie sich dessen auch selber bewusst.
Ich war aber zumindest nicht alleine und sie half mir zumindest darin meinen Blick dafür zu schärfen, dass ich mich nicht in einem Kreislauf, sondern auf einer Spirale befinde. Jede dieser Situationen, die sich scheinbar immer gleich zu wiederholen schienen, waren nicht mehr die gleichen, weil ich meiner äußeren Entwicklung nach nicht mehr die Gleiche war. Und in all dieser gemeinsamen Zeit, in der ich kleine und größere Bewusstseinsentwicklungen durchgemacht hatte, hatte sich auch nicht Nichts getan, sondern die Erfolge und zeitweisen Erleichterungen stellten sich ein, weil ich die Probleme im Analyseverlauf aus einer immer neueren Perspektive geschafft hatte zu betrachten.
Dieser geschärfte Blick half auch darin, dass ich den Situationen nicht mehr mit der immer selben Emotionalität begegnete, denn ein geschärfter Blick ist auch ein objektiver Blick. Wir betrachten eine Situation objektiv, wenn wir es schaffen, dass wir diese Gefühle durch uns hindurch fließen lassen (Fische), anstatt uns mit ihnen zu identifizieren (Krebs). Genau das ist der eigentliche Kraftakt und dieser Akt erfordert deswegen so viel Kraft, weil wir es hier mit archetypischen Energien und damit unbewussten Wirkmächten zu tun haben. Die Angst und die Verzweiflung werden dann von einer Identitätskategorie (Ego) zu einem Teil von mir, der mir etwas zu sagen hat. Aber nochmals - das alleinige Verständnis davon, was mir dieser Teil zu sagen hat, half mir nicht weiter. Wir sind immerhin noch immer bei der schlechten Nachricht.
“The Pregnant Virgin. A Process of Psychological Transformation” (1985, S. 148)
Dt. Übersetzung (Freihand):
“In einer bestimmten Vorstellung gefangen, verzweifeln die Menschen manchmal an der Frage nach der Möglichkeit zur Änderung der archetypischen Muster, die sie gefangen halten. ‘Wozu die Analyse?’ fragen sie. ‘Es führt mich nur zur tieferen Erkenntnis was passiert-der Horror mein eigenes Schicksal ausleben zu müssen.’ Sie sehen sich selbst im Kreis drehen-eine andere Situation, aber dieselbe Dynamik, eine Dynamik, die sie bewusst zu vermeiden versuchten.
Eine schärfere Wahrnehmung hilft ihnen jedoch zu erkennen, dass sie sich nicht am selben Platz befinden, sondern auf einer neuen Stufe der Spirale. Vielleicht identifizieren sie sich nicht mehr so sehr mit ihrer Verzweiflung wie beim letzten Mal-noch mit der Angst, noch mit dem Schmerz, noch mit der Ablehnung. Vielleicht sind sie nun ein wenig objektiver, erlauben der Trauer und der Wut durch sie hindurch zu fließen, als von ihr weg gespült zu werden. Ihr Ego ist vielleicht nicht mehr so überflutet von der archetypischen Energie, nicht mehr in Gefahr das archetypische Muster ausleben zu müssen.
Ein Sterben geschieht hier, ein Opfer, das als Opfer betrachtet und auch als solches behandelt werden muss, wenn es sich nicht in Form einer Zerstörung zeigen soll. Was zum Teil geopfert werden muss ist die archetypische Identifizierung. Das ist genau dasjenige, das Menschen nicht aufzugeben vermögen-die Idealisierung, die Besessenheit, die Perfektion des Genusses, sogar die Perfektion des Leidens.”
Foto erstellt via Landing Space